UrbanXplorer Blog

Meet. Suffer. Accomplish!

133 Verrückte auf vier Kilometern mit zwei Trainingseinheiten, mitten in einer mir unbekannten Stadt. Wie heißt es doch so schön? LÄUFT!

Mit „besseren“ Voraussetzungen hätte ich am Dienstag den 25. April beim 14. City Night Run Aschaffenburg kaum aufwarten können. Der letzte Run ist fast drei Wochen her, ich bin müde vom Arbeitstag und habe mir knapp 15 Minuten vorher noch eine Mahlzeit reingeschoben. Offensichtlicher kann ich mich kaum als Anfänger outen. Nachdem ich erst einmal die Seitenstraße des Treffpunkts verfehlt habe, erreiche ich auch endlich das Studio von Coach Jörg Oberle , der den Run ins Leben gerufen hat und ihn seitdem organisiert.

Eine erstaunlich große Menschenmenge erwartet mich, alle vollausgerüstet für den Lauf. Viele tragen City Night Run Shirts, deren Erlös zum Teil gespendet wird. Alles da, von jung bis alt – selbst einen Vierbeiner hat‘s gepackt.

Ich muss mich allerdings erstmal umziehen. Dank des perfekten Timings höre ich, wie gerade zum Gruppenfoto aufgerufen wird und es dann auch gleich losgehen soll. Also zack, umgezogen, Handschuhe an (meine Händchen sollen ja nicht bei 5°C frieren) und raus.

Jörg macht zu Beginn kurz einige organisatorische Ansagen, unter anderem wo wir uns zu den zwei Workouts der ersten 4 Km Etappe treffen, falls sich jemand verirrt und dass wir doch bitte wegen der Baustellen etwas aufpassen sollen. „Wir laufen ein vergleichsweise langsames Tempo, damit auch jeder mitkommt. Wer möchte, kann auch die zweite 4 Km Etappe mit weiteren zwei Workouts laufen.“ Klar, denke ich, also 8 Km werde ich doch wohl schaffen. Einer der Veteranen meint gutmütig „gar keine lange Strecke, aber es sind die Workouts, die richtig reinhauen!“. Ein Satz, der mir in Erinnerung bleiben wird…

Wir stellen uns auf – PENG! Auf geht’s! Gleich nach den ersten 20 Metern wird die Gruppe auf Grund einer engen Baustelle in die Länge gezogen. Da ich keinen der Läufer kenne, geselle ich mich zu den vorderen Sportlern und komme tatsächlich trotz des „vergleichsweise langsamen Tempos“, das mich nach ein paar Kurven doch etwas schnaufen lässt, mit einem der Mitläufer ins Gespräch. Es ist schon erstaunlich, dass man trotz einem nicht gerade milden Verlangen nach Luft noch die Puste hat, um sich zu unterhalten. Vielleicht ist das Tempo doch langsamer, als gefühlt.

Wir überqueren eine große Straße und als einer der Ersten wäre ich sofort falsch abgebogen. Gut, dass mein Gesprächspartner den Weg weiß. Es geht raus auf einen riesigen Wiesenplatz, um den herum wir uns alle aufstellen. Jörg geht in die Mitte und beginnt das Programm. Schon nach kurzer Zeit geht jegliches Zeitgefühl verloren, das einzige was zählt sind die nächsten Sekunden. Kängurus, Ausfallschritte, alles dabei. Als „Pause“ darf man zwischendrin kurz auf der Stelle hüpfen. Als jemand, der sich trotz wenig Sport doch für recht sportlich hält, kommt die Ernüchterung wie eine Faust ins Gesicht. Ich merke nicht nur sehr schnell, WO ich Muskeln habe, sondern auch, wo ich KEINE habe.

Irgendwie schaffe ich es mich kurz umzuschauen, ohne aus dem Rhythmus zu kommen. Ich bin in der Hinsicht zwar nicht der einzige, aber definitiv einer der wenigen: Viele hartgesottene Läufer (jünger UND älter) stecken die Übungen weg, ohne die Miene zu verziehen.

„Uuund weiter geht’s!“ Ich stoppe mit der Übung und schnaufe wie ein durch Tiefschnee getriebenes Pferd. Gefühlt langsam kommt das Gefühl wieder zurück in Oberschenkel und Waden. „Gar nicht so schlecht, oder?“ Zur Antwort schnaufe ich Christian, meinem frischgewonnenen Laufpartner, schwer zu. Er grinst nur. Die ersten Schritte zurück zur Laufetappe fühlen sich an, als hätte ich kaum Kontrolle über meine Beine. Läuft. Mehr oder weniger…

Weiter geht’s, quer durch die Stadt, hoch, runter, links, rechts. Erstaunlich angenehm ist das Laufen nach dem Workout. Ich frage mich nur, ob ich die nächste Session überlebe, ohne dass meine Beine nachgeben und ich den anderen 132 vom Boden aus zusehen darf.
Wir kommen um eine Ecke und fließen wie ein Bächlein auf einen großen Platz. „Alle Reihen bilden, wie bei der Bundeswehr!“
Eher wie im Kindergarten. Funktioniert ähnlich gut. Aber die Stimmung ist super, es wird geschnauft, gelacht, sich aufmunternd zugenickt. Wildfremde Menschen, vereint in einer Mission: Die nächsten 5(!) Minuten überstehen.

Jörg lässt auch nicht lange auf sich warten. Bereits die erste Übung lässt meine Beine verkrampfen und mich gefühlte 20 Kilo schwerer werden. Ich muss an mögliche Treppen auf der Etappe denken. Die werde ichwahrscheinlich dann wie ein 7 Monate altes Baby meistern. Auf allen Vieren.

Die Musik ist stetig begleitet von allgemeinem Schnaufen, auch anderen sind die Anstrengungen deutlich in der Ausführung der Übung anzusehen. Während die einen die Kniesprünge im Takt der Musik machen, gönnen sich die ein oder anderen (ich!) je einen Atemzug zwischen den Sprüngen.

Das Zeitgefühl hat sich vollends verabschiedet, ebenso wie das Gefühl in meinen Beinen. Es könnte 20°C draußen sein, ich würde nichts merken. Meine Sachen sind völlig durchgeschwitzt. Der Drang aufzuhören wird unbeschreiblich, Schmerzen durchziehen bei jeder Bewegung meinen Körper. Wie instinktiv schaue ich mich um, versuche vergeblich jemanden zu entdecken, der aufgegeben hat. Vergeblich. Keiner will der Erste sein. Also beiße ich die Zähne zusammen und aktiviere das letzte Stückchen Etwas, das nicht mal mehr als Reserve gelten könnte. Inmitten von Dutzenden anderen sich bis an die Grenze zu pushen kann schon ziemlich motivierend sein!

Irgendwann hat die Tortur ein Ende. Beine ausschütteln, weiter. Hoffen, dass keine Treppen kommen… Die ausgleichende Bewegung beim Laufen erscheint nach den Übungen wie eine Massage aus dem fernen Orient. Irgendwie setze ich mich wieder an die Front. Die Frage, ob ich die 8 Km laufe, hat sich erübrigt. Aber ich will verdammt sein, auf den letzten paar Metern Schwäche zu zeigen. Ich schließe zu Jörg auf und frage ihn (mit gelegentlichen Atempausen) über den City Run aus.

Viele Teilnehmer kommen tatsächlich gar nicht aus der Stadt, sondern fahren extra für den Run nach Aschaffenburg. Und die Zahl wächst von Mal zu Mal. Viel Mundpropaganda, meint er. Er kann auch noch mit einem „Funfact“ aufwarten, als ich meine, dass das doch mal eine tolle Sightseeing-Methode ist. Christian (mein Motivationstier, das zugegebenermaßen im Gegensatz zu mir regelmäßig läuft) kommt aus Aschaffenburg und hat oft von einer bestimmten Kneipe gehört, die er allerdings nie gefunden hat. Während eines Runs hat er sie dann zufällig gesehen – und geht seitdem regelmäßig ein und aus.

„Wer genug gelaufen ist, der kann vorne nach rechts abbiegen. Wer noch Puste für weitere 4 Km hat, läuft mit mir nach links!“ Jörg wendet sich mir zu. „Wie sieht’s bei dir aus? Bist du dabei?“ Mein Blickausdruck ist Antwort genug. Er lacht.
„Sorry, das nächste Workout würde ich nicht überstehen, das da ist mein Ziel. Aber es war super geil!“ Wir schlagen im Rennen ein. „Freut mich, cool, dass du da warst!“

Und damit biege ich ab, gefolgt von dem ein oder anderen, der ebenfalls seine physische Grenze erreicht hat. Trotz der Schmerzen, trotz der fehlenden Kontrolle über meine Beine, trotz der pitschnass geschwitzten Klamotten: Leider geil. 10/10 – would do again!

Euer Konstantin

Bilder von Ingo Janek: www.it-foto-janek.de

14. City Night Run Aschaffenburg

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